Ein Jahr ist lang, 10 Monate mindestens genauso lang, bzw werden sie sich so anfühlen, das hab ich mir immer gesagt, bevor ich nach Schweden kam. Du hast viel Zeit, du kannst tausend Dinge tun und so schnell wie immer alle sagen, vergeht das bei mir eh nicht. Zu früh gefreut.
Diese 10 Monate sind gefühlsmässig der kürzeste Zeitraum, den ich je erlebt habe. Wo sind die 26 297 438 Sekunden hin? In genau 25 Tagen stehe ich am Berliner Flughafen, warscheinlich total verweint und rot und fertig, weil mir der Abschied hier so schwer fiel. Gleichzeitig aber so glücklich, aufgeregt und gespannt das ich meine Familie wieder sehen kann. In diesen 9 1/2 Monaten bis jetzt habe ich mir ein Leben aufgebaut, selbstständig - manchmal unter großer Anstrengung, Tränen, Schmerzen und Enttäuschungen. Aber alles das war es wert, ich kann sagen, das ich hier lebe. Ich werde als Schwedin anerkannt, Leute, die ich jetzt neu kennen lernen und mit denen ich auf Schwedisch rede würden nicht auf die Idee kommen, dass ich Deutsche bin bevor ich es ihnen sage. Ich habe hier wundervolle neue Freunde gefunden, beim zweiten Anlauf eine prima Schule, eine wundervolle Gastfamilie im erste Anlauf und eine Stadt, in der ich mich zu Hause fühle. So ein Austauschjahr kann schwer sein, man ist nicht immer gut drauf, auch wenn man das nicht zeigt. Man fühlt sich nicht immer verstanden oder kann sich verständlich machen, das kann einen wirklich runterziehen und fertig machen. Für genauso sowas hat man dann aber die Leute um einen herum, genauso wie die Familie und Freunde zusammen. Wenn ich so auf die Zeit zurückblicke, kommt es mir so vor als hätte es manche Monate gar nicht gegeben, aber wenn mir dann wieder einfällt, hej das und das war doch im November und im März hast du das gemacht, dann fällt mir auf, wie die Zeit rennt.
Freunde und Familie sind mir hier sehr wichtig, und ich weiß jetzt schon wie schlecht mir am Flughafen kurz bevor dem Abschied sein wird. Ich hasse den Gedanken, das ich wieder nach Hause fliege und alles was hier ist und war, hier bleiben muss. Man steht einfach so sehr zwischen zwei Welten, dass ich glaube, das ihr zu Hause euch das kaum vorstellen könnt. Abschiede sind nicht meine Stärke und ab und zu kommt der Gedanke hoch und dann ist es vorbei. Wenn ich mir vorstelle bald nicht mehr mit dem Fahrrad jeden Morgen zur Schule zu fahren, mit Freunden in die süßesten Cafes zu gehen, mit meiner Klasse durch die Schule zu irren, Schwedisch von morgen bis abends zu sprechen und nicht mehr mit der Familie zusammen zu sein, macht das das ganze auch nicht besser. Ich freue mich auf zu Hause riesig, aber keiner ist mehr wie vorher. Das meine ich nicht negativ, aber alle haben sich verändert, jeder auf seine Weise. Ich freue mich auf mein großes Bett, die Sonne die durch mein Fenster scheint (was sie hier nicht, weil ich auf der falschen Seite des Hauses bin), Samstag Frühstück mit Brötchen, Tanzen am Freitag, Straßenbahn fahren (!), meinen Bruder und darauf einfach alle wieder zu sehen und ihnen zu sagen, wie sehr sie mir gefehlt haben. Irgendwie fällt man von einem Gefühl ins andere und da wird man sehr schnell sentimental, ich hoffe ihr verzeiht mir das., aber so ist das nun mal. Jeder der jetzt im August oder im Herbst sein Austauschjahr anfängt, den beneide ich, aber gleichzeitig bin ich auch froh, es schon geschafft zu haben und das ich die Erfahrung, die sie jetzt machen werden, schon erlebt habe. Ich bin froh, dass ich nach Hause darf und jemand ist der zurück kommt, gleichzeitg geht.
Wenn ich wiederkomme bin ich wieder da, wo alles angefangen habe. Ich bin wieder da, wo meine Freunde sind und wo ich zu Hause bin, da wo ich mich wirklich zu Hause fühle.
Bis dahin werde ich versuchen nicht mehr so sentimental zu schreiben und euch stattdessen lieber schöne Sachen erzähle und euch in meinem letzen Teil des Austausches teilzuhaben. Demnächst ist die "Skolavslutning", Midsommar, Abschiedsfeier, ich fahre nach Skåne, hoffentlich schönes Wetter, Kinobesuch, Fika draußen und so weiter und so weiter bis dann meine Mama kommt und es ans Koffer packen kommt.
Genießt noch die nächsten Wochen bis ihr mich wieder da habt und euch wieder auf den Geist gehe ;)
puss och kram
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